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Das Projekt

Das Projekt erforscht neue Formen öffentlicher Sozialität junger Menschen mit Migrationshintergrund im Kontext urbaner Clubkulturen in drei europäischen Städten. In vergleichender Perspektive wird das Phänomen ethnischer Clubszenen mit türkischer, südasiatischer, karibischer Orientierung in Berlin, London und Paris entsprechend der mehrheitlichen Migrantengruppen in der jeweiligen Stadt und dem jeweiligen Land untersucht. Ziel des Projektes ist die Erforschung von Formen sozialer Beteiligung und kulturellen Experimentierens junger Menschen, die für das Leben in Metropolen charakteristisch sind und bislang als nicht relevant für das Leben ethnischer Minderheiten angesehen wurden. Dazu wird versucht, das Hauptaugenmerk des Projekts vom forschungsbestimmenden Fokus der Migrationsidentität hin zu den Praktiken von Sozialität zu verschieben und damit der vorherrschenden, Disziplinen übergreifenden Tendenz in der Erforschung von jugendlichen Migranten in Europa entgegenzuwirken, Haltungen und kulturelle Identifikationen unabhängig von sozialen Praxen zu untersuchen. Das Projekt kombiniert hierzu den Fokus auf sozio-kulturelle Praktiken mit einem Interesse an urbanen Szenen als flexible soziale Formationen, die (halb)öffentlich sind und sich nicht durch fest definierte Mitgliedschaften oder Zugehörigkeitskriterien auszeichnen. Durch ethnografische Fallstudien, die mit einem Team aus Forschern in den drei Städten durchgeführt werden, erforschen wir das Potenzial urbaner Clubszenen im Produzieren und Erfahren verschiedener Arten von Sozialität, und wie marginalisierte Gruppen diesen begegnen.

Urbane Vielfalt

Der urbane Raum ermöglicht nicht automatisch eine „gegenseitige Befruchtung“ und Durchmischung nur aufgrund der Zugehörigkeit zu verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Sinne von ethnischen und sexuellen Kategorien. Ebenso sagt uns die reine räumliche Kopräsenz von Menschen, die entlang multipler Identitätskategorien klassifiziert werden kann, nicht viel darüber, wie diese Menschen sozial zueinander in Beziehung stehen. Die dringende (politische wie auch akademische) Frage lautet eher, wie und unter welchen Bedingungen insbesondere im Hinblick auf das öffentliche Leben verschiedene Formen urbaner Sozialität und Gemeinschaft entstehen. Wir gehen hierbei nicht von präformierten Gruppen, vorgegebener gemeinschaftlicher Solidarität oder vorbestimmten Lebensweisen aus, die den Kampf um Eigenständigkeit, Traditionsbewahrung oder Integration in einen imaginierten Konsens von „Gesellschaft“ sucht. Die Postulierung des Themas der Post-Migrationsgesellschaften in urbanen Räumen als eine offene Frage erschließt einen neuen Forschungsbereich, der nicht den Fragen nach Identität Priorität einräumt, sondern nach sozialen Praktiken und Formen der Zugehörigkeit erforscht, die in der aktuellen disziplinären und interdisziplinären Migrationsforschung zumeist unbeachtet bleiben.

Warum Post-Migranten?

Eine immer größere Anzahl junger Menschen in Europa sind Nachfahren von Immigranten, deren Migrationsgeschichte bis zu den Nachkriegsbewegungen im Kontext der Entkolonialisierung und Arbeitsmigration zurückreicht. Diese jungen Menschen werden oftmals als zweite oder dritte Migrantengeneration bezeichnet, obwohl sie zumeist nationale Grenzen nicht überschritten haben und sich an ihren vorwiegend urbanen Wohnorten zu Hause fühlen. Dabei kann die Bezeichnung als Migranten zu der problematischen Tendenz beitragen, diese Menschen entlang der weit verbreiteten ethnischen Klassifizierungen als Fremde von „außen“ zu betrachten, die niemals Teil der imaginierten ethno-nationalen Gemeinschaft werden können. Allerdings ignoriert die Bezeichnung als ethnische Minderheiten die Bedeutung ihrer Migrationsgeschichten und transnationalen Verschmelzungen, welche weiterhin ihr Leben prägen. Der Begriff Post-Migranten beabsichtigt, sowohl die Bedeutung ihrer Geschichten und Zugehörigkeiten als auch die Distanz der jungen Generation zu den direkten Migrationserfahrungen ihrer Eltern oder Großeltern einzufangen.

Warum Clubszenen?

Clubbing ist nicht nur eine der populärsten Freizeitaktivitäten junger Menschen unabhängig von ethnischem Hintergrund und Migrationsgeschichte quer durch Europa, sondern auch ein wichtiger Rahmen für das bewusste Knüpfen von Kontakten mit Fremden. Clubszenen sind durch und durch urbane, semi-öffentliche Formationen, die keine strengen Mitgliedschaftskriterien aufweisen und von dem Reiz leben, sich in der Gegenwart unbekannter Anderer zu bewegen. Obwohl einige der Clubszenen, die wir erforschen, mit Blick auf ihre ethnische Zusammensetzung relativ exklusiv erscheinen, sind sie dennoch alles andere als Gemeinschaften. Im Gegenteil, sie sind Kontexte, die auf der Basis von Begegnungen zwischen Fremden gedeihen und somit Formen der Sozialität bilden, die durch einen niedrigen Grad an Verpflichtung und Bindung ausgezeichnet sind. Eine Clubnacht, die nicht unaufhörlich neues Publikum anzieht, verliert ihren Anreiz und Existenzgrund. Clubszenen sind daher wichtige Orte für die Bildung von urbanen Öffentlichkeiten als Formen intendierter Fremdsozialität, die in urbanen Lebenswelten aufblühen. Die Teilnahme an urbaner Öffentlichkeit ist somit eine charakteristische Form des „Place-Making“ durch welche Stadtbewohner, inklusive junger Post-Migranten, symbolische Ansprüche auf die Stadt anmelden und die Stadtstruktur formen.